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5. - 6. November 2019 // Nürnberg, Germany

Net.Law.S Newsroom

Richtiger Umgang mit den Hürden der Digitalen Transformation

Digitalisierungs-Guide

Diese Chance sollten Sie nutzen: Wie die Digitale Transformation zur Frischzellenkur fürs eigene Unternehmen wird

Sie gilt als eine der größten Herausforderung für die deutsche Wirtschaft: Die Digitale Transformation und damit einhergehende technologische Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz, Big Data, Machine Learning, Blockchain. Was vielerorts zu Misstrauen und Ängsten führt, kann auch als Chance gesehen werden – für neue Geschäftsmodelle oder für eine Frischzellenkur fürs eigene Unternehmen. Wie so oft alles eine Frage der Perspektive. In jedem Fall helfen die Erfahrungen anderer bei der eigenen Digitalisierungsstrategie. Ein Interview mit Martin Wambach, Geschäftsführender Partner und Chief Digital Officer (CDO) bei der renommierten Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Rödl & Partner.

Net.Law.S: Herr Wambach, seit wann gibt es eigentlich die Position Chief Digital Officers (CDO) bei Rödl & Partner und warum?

Martin Wambach: Die Position des CDO gibt es offiziell seit sechs Jahren. Wir wollten damit deutlich machen, dass uns das Thema Digitale Transformation sehr wichtig ist, und auch ein klares Rollenverständnis ausprägen. Auf diesem Weg versuchen wir aus dem Kreis der Geschäftsführenden Partner heraus, die grundlegende Strategie und Vorgehensweise zu entwickeln und dann auch gleichzeitig mit dafür zu sorgen, dass wir auf Kurs bleiben, ganz klare Ziele verfolgen und die Strategie auch gut ins Unternehmen hineintragen.
 

Denken Sie also, dass es ohne einen CDO heutzutage gar nicht mehr geht?

Es hängt nicht an der Bezeichnung. Es sollte nur eines deutlich werden: Im Top-Management muss sich Zeit für das Thema genommen werden. Digitalisierung kann man nicht auf der rein operativen Ebene oder auf einer Spezialinsel verorten. Das Top-Management muss dahinterstehen und klare Rollen zuweisen, sonst funktioniert das nicht. Ob das dann CDO oder Transformationsmanager oder Digitalisierungs-Officer heißt, ist egal. Wir finden CDO gut, weil wir so einen sichtbaren Counterpart zur bereits etablierten Funktion des CIO haben.
 

Wo steht die Digitale Transformation heute?

Wenn wir unsere neuen Mitarbeiter – vor allem die jungen – bei ihrem Einstieg ins Unternehmen zum Thema Digitalisierung befragen, dann kommen häufig negativ konnotierte Antworten: Arbeitsplatzabbau, Maschinen und Roboter übernehmen alles, Zukunftsangst. Da müssen wir ran. Gleichzeitig sehen wir in der Politik viele Sonntagsreden, aber wenig Konkretes. Die Politik scheint nicht verstanden zu haben, um was es hier wirklich geht. Nehmen wir zum Beispiel die Verlautbarung unserer Bundeskanzlerin, dass wir weltweit führend sein wollen im Bereich Künstliche Intelligenz und Machine Learning: Unsere Forschungscluster und -einrichtungen sind hier bereits Weltspitze, ja, aber wir bekommen es nicht in die Praxis umgesetzt.

Ohne flächendeckendes 5G-Netz zum Beispiel gibt es kein Internet of Things, keine Künstliche Intelligenz, kein Machine Learning. Diese ganz einfachen Zusammenhänge und Notwendigkeiten scheinen in der Politik bis heute nicht verstanden worden zu sein. Oder nehmen wir die vielen Hidden Champions, die in Deutschland traditionell oft außerhalb der Großstädte angesiedelt sind: Wenn diese Unternehmen nicht sehr viel eigenes Geld in die Hand nehmen würden, um sich Glasfaseranschlüsse oder Richtfunkstrecken zu installieren, dann wäre es hier in Deutschland wirklich zappenduster. Es scheint also, als sei sich die Politik ihrer Verantwortung für eine technische Modernisierung und der Bedeutung von Infrastruktur nicht bewusst.
 

Die Politik ist in der Pflicht, verstanden. Nur sie?

Man sollte in diesem Zusammenhang auch unbedingt einen Blick auf die Verwaltung legen, die meines Erachtens heute der große Hemmschuh für Digitalisierung ist.
 

Hat das bereits Auswirkungen auf die deutsche Unternehmerlandschaft?

Wir sehen teils dramatische Probleme: Den Unternehmen wird zusätzlich zu den eigentlichen Kosten der Digitalisierung, die ihnen durch die zunehmenden und immer schneller vonstattengehenden Veränderungen ganz automatisch entstehen, auch noch einmal ganz viel zusätzlich aufgebürdet – zum Beispiel eben das Investment der Unternehmen in Infrastruktur, für die eigentlich die Politik längst gesorgt haben sollte.

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Das klingt nicht sehr optimistisch.

Ich habe gut 30 Jahre Berufserfahrung als Wirtschaftsprüfer, insbesondere im Auftrag von großen Familienunternehmen und Hidden Champions, auf die sich auch meine Einschätzung bezieht: Was ich hier sehe, ist, dass die größeren finanzstarken Unternehmen im Rahmen ihrer Wertschöpfungskette weit fortgeschritten sind, was die Digitalisierung angeht. Da habe ich auch keine großen Bedenken hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit. Schließlich wird die Welt auch zukünftig nicht nur von Dienstleistungen leben. Wir brauchen auch weiterhin eine industrielle Produktion und da sind die deutschen Mittelständler gut aufgestellt.

Deshalb empfinde ich im Übrigen den Ruf nach einem nationalen oder europäischen Champion total verkehrt. Gerade durch die Vielfalt und eher kleinteilige Struktur der deutschen Industrie sind wir viel schneller, agiler und flexibler als irgendwelche Großkonzerne. Wo es sicher Schwächen gibt, ist der Bereich der Erschließung neuer Geschäftsmodelle.
 

Müssen Sie die Unternehmen auf Probleme und Gefahren hinweisen oder kommen die eher auf sie damit zu und suchen nur nach einer Lösung?

In vielen Fällen legen wir als Wirtschaftsprüfer den Finger tatsächlich in die Wunde. Ein großes Thema ist die Relevanz der IT-Infrastruktur bei Punkten wie Datensicherheit und Cybersecurity. Auf der wertschöpfenden Seite ist man gut dabei. Die Notwenigkeit zur kontinuierlichen Bearbeitung von Datensicherheitsproblemen und der Eindämmung von Cybersecurity-Risiken hat man jedoch oftmals noch nicht erkannt. Auch der Erfolgstreiber Cloud wird völlig unterschätzt. Das heißt nicht, dass man heute alles in die Cloud packen muss. Aber wie schnell sich die Applikations- und Softwarelandschaft in Richtung Cloudbasiertheit entwickelt hat, wird vielfach nicht verstanden.
 

Diese Gefahren und Chancen bringt die KI mit sich – im Gespräch mit Juristen


In Ihrem Net.Law.S-Vortrag wird es um den Erfolgsfaktor Mensch hinsichtlich der Digitalen Transformation gehen. Was verbirgt sich dahinter?

Technik und auch digitale Technologien sind kein Selbstzweck. Am Ende muss es dem Menschen dienen – egal auf welche Art und Weise. Der Mensch ist zum einen Treiber, aber gleichzeitig auch immer Verhinderer von Veränderung. Sowieso scheint der Mensch eine Grundangst vor Veränderung zu haben.

Für Unternehmen sehe ich daraus resultierend folgende Schwierigkeiten: Viele Unternehmen packen das Thema Digitalisierung in eine Spezialecke. Nach dem Motto: Ich hole mir zwei drei Freaks oder ein Start-up als Beteiligung mit rein und die machen dann Digitalisierung. Der Rest macht aber weiter wie bisher. Daraus entsteht eine schnell wachsende Verständnislücke. Aber vor allen Dingen machen sich diejenigen Mitarbeiter, die weiterarbeiten wie bisher, irgendwann Gedanken über ihre berufliche Zukunft. Sie hören und lesen überall von den Veränderungen durch die Digitale Transformation, aber bei ihnen kommt davon nichts an.
 

So digital ist unsere deutsche Wirtschaft
 

Andererseits haben viele Unternehmen keine klaren Ziele und Strategien formuliert, wie es hinsichtlich der Digitalisierung weitergehen soll und können deshalb ihren Mitarbeitern auch nicht erklären, warum sie etwas machen, was sie machen und was das Ziel daraus sein soll. Deshalb geht es nicht nur darum, ein fachliches Verständnis zu implementieren. Hinzu kommt das Thema New Work: Es wird weniger abteilungs- und mehr projektorientiert gearbeitet. Stärkere Transparenz von Prozessen setzt hierarchische Strukturen unter Druck. Ergo: Der Veränderungsdruck durch die Digitale Transformation muss gezielt begleitet werden.
 

Haben Sie das in Ihrem Haus auch so umgesetzt?

Wir haben ein klares Rollenverständnis entwickelt und eine klare digitale Agenda mit einfachen Wörtern formuliert. Digitale Kompetenz ist seit sechs Jahren ein erklärter Schlüsselerfolgsfaktor von Rödl & Partner und seitdem auch Teil jeder hausinternen Schulungsmaßnahme.
 

Welche Erkenntnisse haben Sie in dieser Zeit gesammelt?

Wir haben tatsächlich zu Beginn ein wenig unterschätzt, wie wichtig die Übersetzung der Fach- in eine allgemein verständliche Sprache ist. Das ging auch mir so. Denn wenn man anfängt, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen, dann kommt man ganz schnell an den Punkt, an dem man gänzlich andere Wörter verwendet. Das führt dazu, dass man sich von der Sprache und dem Verständnis der Kollegen entfernt. Insofern kann ich nur dazu appellieren, diesen Punkt nicht zu unterschätzen und Fachsprache zu vermeiden beziehungsweise allgemeinverständliche Umschreibungen zu nutzen. Aber ich kann sie beruhigen: das funktioniert.

„Mit der entsprechenden Aufgeschlossenheit, kann man das eigene Unternehmen auf eine neue Ebene heben.“
 

Geben Sie in Ihrem Net.Law.S-Vortrag weitere Tipps und Hinweise?

Interessanterweise sind gerade die IT-Abteilungen gar nicht so offen für digitale Veränderungen. Allein der Begriff Cloud scheint große Ängste und Vorbehalte hervorzurufen. Aber an cloudbasierten Lösungen führt kein Weg mehr vorbei und wenn der IT-Leiter sich hier sperrt, muss man sich im Interesse des Unternehmens auch Gedanken über personelle Konsequenzen machen.

Gleichzeitig ist Digitalisierung – Klammer auf – nicht nur – Klammer zu – was für Spezialisten. Digitalisierung heißt auch, eine entsprechende Kompetenz bei jedem Mitarbeiter zu fördern und sie so zu motivieren, mit- und weiterzumachen. Wir haben zum Beispiel eine Art Digitalisierungsführerschein eingeführt. Unsere Mitarbeiter konnten sich selbst einstufen, um dann zielführende Unterstützung zu bekommen. Das können dann auch augenscheinlich ganz einfache Dinge sein, wie zum Beispiel das Telefonieren über den Computer, statt mittels der normalen Telefonanlage. Doch diese Dinge werden erst dann gelebte Praxis, wenn man allen Mitarbeitern die Gelegenheit gibt, sich darin zu üben und auszuprobieren. Menschen brauchen Erfolgserlebnisse, um Veränderungen zu akzeptieren – und das ist jetzt wahrlich keine neue Erkenntnis, die nur im Zusammenhang mit der Digitalen Transformation gilt.

Und noch ein wichtiger Punkt: Durch die gnadenlose Daten- und Prozessorientierung der Digitalisierung werden die Dinge insgesamt sehr transparent: Welche Daten haben sie? Wie arbeiten sie? Wie effizient sind sie? Gerade bei Führungskräften provoziert diese Transparenz Abwehrhaltungen. Entsprechend verändern sich Führung und Management – also der Umgang miteinander.

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Das klingt ja schon eher nach einem Wandel der Unternehmenskultur?

Genau. Eine große Herausforderung, wie wir wissen. Aber gleichzeitig auch eine einmalige Chance, mal aufzuräumen und Ineffizienzen auszumerzen. Vergleichbar mit einem Umzug in eine neue Wohnung. Und da sollte man mutig sein. Wenn man sich hierbei die entsprechende Aufgeschlossenheit mitbringt und sich etwas Zeit nimmt, dann kann man das eigene Unternehmen auf eine neue Ebene heben. Dann kann es wie eine Art Fitnessprogramm für das Unternehmen sein.
 

Danke für das Gespräch und die Einblicke.

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